
Graphis erstellt in Aarau Rohr Ersatzbauten in Holzbauweise
Neue Landmarke
Auf die Stadtrandlage reagierte die Graphis Bau- und Wohngenossen-schaft mit hoher Qualität: Die Siedlung Quellengarten im Aarauer Ortsteil Rohr besticht durch gemeinschaftliche Elemente, angenehmes Wohnklima und hohe ökologische Standards. Für die Vollholz-Bauweise gewann die Genossenschaft den Preis Aargauer Herz fürs Holz 2018.
Von Richard Liechti | Bilder: Damian Poffet | November 2018
Architekten beziehen sich bei der Entwurfsarbeit gerne auf die Umgebung. In Rohr, einem typischen Schweizer Strassendorf, das seit 2009 zum Kantonshauptort Aarau gehört, bieten sich dafür wenig Anhaltspunkte: Gewerbebauten säumen die Hauptstrasse, dahinter prägen Einfamilienhäuser und kleine Blöcke das Bild. An der Pilatusstrasse, etwas zurückversetzt von der Hauptverkehrsader, hat die Graphis Bau- und Wohngenossenschaft nun eine Wohnsiedlung fertiggestellt, die eine neue Architektursprache in den Vorort bringt.
Gemeinschaftlichkeit als Baukonzept
Statt den Entwurf aus dem äusseren Kontext zu entwickeln, habe man eine starke «Binnen-identität» vorgeschlagen, halten die Entwurfsarchitekten fest. Dies bedeutet insbesondere, dass sich die Idee der Gemeinschaftlichkeit im baulichen Konzept widerspiegelt: Fünf Gebäuderiegel gruppieren sich um einen Hof, in dem das Siedlungsleben viel Raum hat. Ein weit vorkragendes Dach dient nicht nur dem Wetterschutz, sondern fügt die schlanken Baukörper zu einer Gesamtfigur.
Die Siedlung Quellengarten ist anstelle veralteter Bauten aus den 1950er-Jahren entstanden. Dabei unterstützte die Graphis die früheren Bewohner bei der Suche nach einer Ersatzwohnung. Das Neubauprojekt fand sie über einen offenen Architekturwettbewerb, an dem sich über siebzig Büros beteiligten. Das Rennen machte die Zürcher Architektengemeinschaft Jürgensen Klement Leimgruber, welche das Projekt bis zur Baueingabereife weiterentwickelte. Das Berner Architekturbüro Rykart, mit dem die Graphis bei früheren Projekten gute Erfahrungen gemacht hatte, wurde mit der Ausführung beauftragt.
Hoher Grad an Vorfabrikation
Von Beginn weg war die neue Siedlung als Holzbau konzipiert. Nur das Kellergeschoss und die Treppenhäuser sind in Massivbauweise erstellt. Auch die tragenden Aussenwände und Mittelzonen sind vollständig aus Holz. Dabei handelt es sich um vorfabrizierte Elemente, die der Holzbauer fixfertig auf die Baustelle lieferte – ein Film dokumentiert den eindrücklichen Fertigungs- und Montageprozess (www.holzbau-erni.ch). Dort ist etwa ersichtlich, dass selbst der Beton für die Verbunddecken – er erhöht die Schalldämmwerte – bereits im Werk eingegossen wurde. Dies hat als Novum in Holzbaufachkreisen viel Beachtung gefunden. Die Vorfertigung sorgte für kurze Bauzeiten: Knapp acht Monate dauerten Aufrichte, Fassaden- und Innenausbau.
Dach- und Aussenwandbauteile wurden in Holzrahmenbauweise erstellt. Hochwärmegedämmte Holzständer mit dazwischenliegender Dämmung bilden das Grundgerüst. Sie sind innen und aussen mit Holzplatten beplankt. Den äusseren Abschluss der hinterlüfteten Fassadenkonstruktion bilden druckimprägnierte und geölte Kerto-Platten. Dank der dunkelbraunen Farbe sind Verschmutzungen und später Alterserscheinungen weniger sichtbar, was zu einem möglichst langjährig gleichbleibend schönen Bild beitragen soll.

Der Linoleumboden schafft einen Kontrast zu den weiss lasierten Holzwänden und -decken.
Wohnungszugang über Terrasse
Holz bestimmt auch das Wohngefühl. Wände und Decken sind weiss lasiert; ein Linoleumboden sorgt für einen Kontrast. Er erstreckt sich bis in die Küche, nur das Bad besitzt einen Plattenboden. In der Mitte der Wohnung verläuft eine tragend ausgebildete Schrank- und Installationszone, die sowohl die Haustechnik als auch viel Stauraum beherbergt. In den Küchen fallen der Kombisteamer und der integrierte Gefrierschrank ins Auge.
Alle 44 Wohnungen sind zweiseitig orientiert und verfügen über einen Sitzplatz, einen Balkon oder eine Loggia. Die grossen Loggien an den Gebäudefugen sorgen dabei nicht nur für Durchlässigkeit im Siedlungsgefüge, sondern dienen als Wohnungsentrées: In den Obergeschossen tritt man nämlich vom Treppenhaus auf die Terrasse und von dort in die Wohnung – und zwar direkt ins Wohnzimmer. Auch bei den übrigen Wohnungen gibt es kaum Verkehrsflächen. In manchen Einheiten kann eine flexible Trennwand eingebaut und damit ein zusätzlicher abgetrennter Raum geschaffen werden.
Minergie-A und Minergie-Eco
Hohe Anforderungen stellte die Graphis auch bei der Nachhaltigkeit, wo man sich am Standard für Nachhaltiges Bauen (SNBS) orientierte. Nicht nur dass der heimische Rohstoff Holz zum Einsatz kam. Heizung und Warmwasser stellt man mittels Grundwasser-Wärmepumpen bereit. Eine Photovoltaikanlage auf den Dächern liefert Strom für den Eigenverbrauch. Sie umfasst 576 Module zu 300 Wp und leistet 172,8 kWp. Die Siedlung erreicht damit den Standard Minergie-A. Das bedeutet, dass der Aufwand für Raumwärme, Wassererwärmung, Lufterneuerung, sämtliche elektrischen Geräte und die Beleuchtung durch selbstproduzierte erneuerbare Energien gedeckt wird.
Erfüllt werden zudem die Anforderungen für die Minergie-Eco-Zertifizierung. So baute man wo immer möglich mit Recyclingbeton und verwendete bei den Innenwänden atmungsaktive mineralische Farben. Alle Holzwerkstoffe stammen aus der Schweiz, dem benachbarten Ausland oder aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern mit FSC-Label. Bis auf das Brettsperrholz, das teils aus Kiefer gefertigt ist, handelt es sich dabei um Fichte/Tanne.

Um Verschmutzung und Alterserscheinungen vorzubeugen, sind die Fassadenplatten druckimprägniert und geölt.
Mieten bewusst tief angesetzt
Die Mietzinse hat die Graphis vergleichsweise tief angesetzt. Im Quellengarten kostet eine Viereinhalbzimmerwohnung mit rund hundert Quadratmetern Wohnfläche um die 1600 Franken netto. Die Marktlage am Standort sei schwer abzuschätzen, hält die Bauherrschaft Graphis fest. So verlief etwa die Vermietung eines Neubaus im nahen Zofingen schwieriger als erwartet. Die günstigen Preise sind möglich, weil der Graphis das Land seit über siebzig Jahren gehört. Bei Fertigstellung waren denn auch 32 der 44 Wohnungen vergeben. Ein kleiner Wermutstropfen: Bisher ist nur eine einzige Familie eingezogen. Die Kinderzahl dürfte sich allerdings angesichts der jungen Paare hoffentlich bald vergrössern.
Nicht nur der Nachwuchs wird den gemeinschaftlichen Hof schätzen. Er bietet Spielgeräte ebenso wie einen mächtigen Grill. Einheimische Pflanzen werden für Naturnähe sorgen. Auch ein Gemeinschaftsraum steht zur Verfügung. Ein Siedlungskomitee wird dafür sorgen, dass er bald mit Leben gefüllt wird, und sich auch um andere soziale Belange kümmern. Eventuell dürfen in einigen Jahren davon noch mehr Menschen profitieren. Die Bauordnung wird nämlich derzeit überarbeitet. Die Graphis plant deshalb, Haus A zu einem noch offenen Zeitpunkt aufzustocken. Damit kann sie flexibel auf die Marktlage reagieren. Die baulichen Vorbereitungen jedenfalls sind bereits getroffen.
Beispielhafter Holzbau
Klagten die Entwurfsarchitekten noch über die «identitätsarme» Umgebung, so bildet die Überbauung Quellengarten nun eine neue Landmarke im Quartier. Für die Graphis hat sich der Mut, auf den Baustoff Holz und hohe Nachhaltigkeit zu setzen, nicht nur im Vermietungserfolg ausgezahlt. Für die beispielhafte Förderung und Nutzung des ökologischen Werkstoffes Holz hat sie 2018 von Pro Holz Aargau die Auszeichnung «Aargauer Herz fürs Holz» gewonnen.
Baudaten
Bauträgerin:
Graphis Bau- und Wohngenossenschaft, Bern
Architektur (Entwurf):
Arge Jürgensen Klement Leimgruber Architekten, Zürich
Ausführung:
Rykart Architekten AG, Liebefeld
Holzbauingenieur:
Makiol+Wiederkehr, Beinwil am See
Unternehmen (Auswahl):
Erne AG, Laufenburg (Baumeister)
Holzbau Erni AG, Schongau (Holzbau)
Biene AG, Winikon (Fenster)
Forster Swiss Home AG, Bern (Küchen)
Solarville AG, Winterthur (Photovoltaik)
Umfang:
44 Wohnungen, 3 zumietbare Zimmer, 1 Gemeinschaftsraum, Tiefgarage mit 44 Plätzen, 2 davon als E-Car-Ladestationen
Baukosten (BKP 1–5):
20,4 Mio. CHF total
5480 CHF/m2 HNF
Mietzinsbeispiele:
2 ½-Zimmer-Wohnung (61 m2):
1080 CHF plus 160 CHF NK akonto
4 ½-Zimmer-Wohnung (99 m2) :
1540 CHF plus 250 CHF NK akonto
Überregionale Genossenschaft
Die 1945 gegründete Graphis ist eine der wenigen Baugenossenschaften, deren Bestand sich über die ganze Schweiz verteilt – von Arbon am Bodensee bis nach Genf. Insgesamt besitzt sie rund 1300 Wohnungen verteilt auf 18 Siedlungen in neun Kantonen. Der Sitz befindet sich in Bern. In jüngerer Zeit hat die Graphis Ersatzneubausiedlungen in Zürich Schwamendingen und Zofingen realisiert. Im September ist die hier beschriebene Überbauung in Aarau Rohr bezugsbereit geworden. Weitere Ersatzprojekte verfolgt sie in Allschwil (65 Wohnungen) und Brugg (41 Wohnungen, 3 zumietbare Zimmer plus 4 Kleingewerberäume). Im Jahr 2020 wird die Graphis ihr 75-Jahr-Jubiläum begehen.