Juwo stellt bisher grösstes Bauprojekt in Zürich fertig

Vom Solitär zum Blockrandbau

Das Jugendwohnnetz Juwo ist für junge Erwachsene eine wichtige Anlaufstelle auf der Suche nach einem günstigen WG-Zimmer. An zentraler Lage entwickelte das Juwo ein Grundstück der Stadt Zürich. Im Sommer konnten 95 Mietende das Ensemble aus saniertem Haus und angebauten Gebäuden beziehen. 

Von Daniel Krucker | Bilder: Stefano Vegnuti, Wohnen, zVg | 2024/09

Studierende und Berufslernende mit beschränkten finanziellen Mitteln haben es besonders schwer, eine bezahlbare Unterkunft zu finden. In Zürich wurde deshalb 1983 das Jugendwohnnetz Juwo gegründet. Seitdem vermietet die gemeinnützige Organisation günstige Zimmer in Wohngemeinschaften an junge Leute zwischen 16 und 28 Jahren. Aktuell leben rund 3800 Frauen und Männer in Ausbildung in einer der rund 1700 Juwo-Wohnungen. Etwa die Hälfte der Wohnungen befindet sich in Liegenschaften, die zwischengenutzt werden. Nur knapp zehn Prozent der Wohnungen, verteilt auf 13 Liegenschaften, gehören dem Juwo selbst.
Mit dem «Haus Eber» ist nun eine weitere eigene Siedlung hinzugekommen. Gleichzeitig handelt es sich dabei um das bisher grösste Bauprojekt der Stiftung. Das Juwo kann die Nachfrage aber auch mit den 95 neuen Zimmern längst nicht decken. «Die Warteliste ist lang, sehr lang», sagt ihr Geschäftsführer Patrik Suter. Zurzeit hoffen etwa 2000 Studierende auf ein Juwo-Zimmer.

Der Querschnitt zeigt die Splitlevellösung im einen Neubau. Durch die versetzte Anordnung haben die Zimmer zur Laubengangseite mehr Privatsphäre und über den Nasszellen blieb so Raum für praktische Stauräume, zu denen man über Leitern gelangt. 

Logische Weiterentwicklung
Die Stadt Zürich bot dem Juwo das Stück Land in direkter Nachbarschaft zum Letzigrundstadion und Schlachthof zur Entwicklung im Baurecht an. Seit über hundert Jahren stand darauf das Haus Eber, ein Mehrfamilien-Eckhaus im Stil des Blockrandes, es blieb jedoch über all die Jahrzehnte ein Solitär. Das Juwo packte die Chance, und 2018 schrieb die Stadt einen offenen Architekturwettbewerb aus, an dem 117 Büros teilnahmen. Der Gewinner, Nicolas Wild aus Zürich, sagt, offene Wettbewerbe seien insbesondere für junge Büros extrem wichtig: «Beispielsweise gibt es die Hürde der Prä­qualifikation nicht. Dank der bewusst niedrig gehaltenen Schwelle braucht es auch keine Fach­planer wie Bauingenieurinnen oder Landschaftsarchitekten.» Mit dem Gewinn hat sich der Architekt überhaupt erst selbständig gemacht. Und auch Geschäftsführer Suter freut sich besonders über den jungen Sieger: «Das passt perfekt zum Juwo!»
Wild Architekten haben das im Inventar schützenswerter Bauten erfasste Haus Eber beidseitig um einen Neubau ergänzt. Damit erfährt das Haus nach über hundert Jahren eine Fortsetzung des unfertigen Blockrandes. Hofseitig sind die drei Gebäude durch Laubengänge miteinander verbunden und werden so als Einheit zusammengefasst. Auch im Kellergeschoss gelangt man von einem Haus ins nächste. Im neuen Ensemble sind 95 Zimmer entstanden, verteilt auf zehn Dreier-, acht Vierer- und vier Sechser-Wohngemeinschaften. In einem der Neubauten gibt es ausserdem eine Neuner-WG, die sich auf drei Stockwerke verteilt.

Luftig und platzsparend
Praktisch alle Zimmer sind versetzt zum Laubengang angeordnet und haben so mehr Privatsphäre. Das haben Wild Architekten mit einem Splitlevel-Konzept erreicht. Dabei sind in den Wohnungen die Ebenen gegeneinander teilweise um eine halbe Geschosshöhe versetzt. Ein weiterer Vorteil: Die so entstandenen überhohen Küchenräume lassen die Wohnungen grösser und luftiger erscheinen. Viel Wohnraum beanspruchen die Bewohnenden nämlich nicht. Der Flächenverbrauch pro Person liegt bei diesem Projekt bei bescheidenen 24 Qua­d­ratmetern. Zum Vergleich: Gemäss Bun­desamt für Statistik beträgt der durchschnittliche Wohnflächenverbrauch in der Stadt Zürich pro Person fast 45 Quadratmeter. Neben der Selbstbeschränkung der Juwo liegt der Grund für diesen grossen Unterschied auch im Umstand, dass keine klassischen Wohnzimmer gefordert waren. Ein grosszügiger Essplatz pro Wohnung muss reichen. Dafür sind alle Schlafzimmer mehr oder weniger gleich gross.
Im Altbau wurden die Grundrisse kaum verändert. Das ehemalige Restaurant im Erdgeschoss dient heute als Gemeinschaftsraum, der Haupteingang befindet sich neu hofseitig. Als Zeichen der Offenheit und des Gemeinschaftlichen sind die Wohnungstüren hier durch grosse Glastüren ersetzt worden, die aber dank dem Strukturglas trotzdem einen gewissen Sichtschutz bieten. Aufmontierte Holzfaser-MDF-Platten schaffen ausserdem ein Kassettenbild, das an die ursprüngliche Ästhetik erinnert. «Insgesamt haben wir einfach versucht, so viel wie möglich von den alten Materialien und Bauteilen wieder hervorzuholen, aufzufrischen und wo nötig in Stand zu setzen», fasst Architekt Wild das Konzept für den Altbau zusammen.

Einheit von alt und neu
Viel Zeit und Denkarbeit haben die Planer in die Fassadengestaltung gesteckt. Alt- und Neubau sollten schliesslich als Einheit erkennbar sein und trotzdem ihre eigene Identität nicht verbergen. In Verbindung zum Granitsockel im Altbau gibt es im Neubau einen Betonsockel, der «etwas verspieltere frei gesetzte Öffnungen hat», wie es der Architekt umschreibt. Der streng gegliederte obere Teil der Neubauten setzt demgegenüber einen Kontrapunkt zu den verpielt geschwungenen Fensterbögen des Altbaus. Die Vor- und Rücksprünge wurden mit zwei unterschiedlich dicken Steinen ausgebildet und verschiedene Putzstrukturen setzen weitere Akzente, die das Gebäude an dieser exponierten Lage zu einem Blickfang machen.
Akzente setzt auch das Farbkonzept. Die roten Elemente sind der rostigen «Eisenmauer» des Letzigrundstadions entlehnt, das Grün der Stahlkonstruktionen von Laubengängen und Balkonen nimmt das industrielle Maschinengrün auf, und die blauen Fensterrahmen sind als bewusste Farbtupfer zum Aufpeppen zu verstehen. Die Farben werden auch im Innenbereich in teilweise abgetönten Nuancen wieder aufgenommen, zum Beispiel in den Nasszellen, bei den Handläufen, Heizkörpern und Garderoben. Suter erzählt, dass das Farbkonzept etwas vom wenigen war, das im Stiftungsrat präsentiert wurde. Er ist überzeugt, dass gut gewählte Farben und Materialien im Zusammenleben eine wichtige Rolle spielen und helfen, Spannungen und Stress abzubauen.

Im Altbau wurde so wenig wie möglich eingegriffen. Ins Auge sticht die sorgfältige Gestaltung, die dem Charakter des Hauses Rechnung trägt.

Begegnungen inklusive
«Das Ensemble wurde von Anfang an als Begegnungsmaschine geplant», drückt Wild eine wichtige Funktion der Bauten aus. Das fängt bei den Laubengängen an, die sämtliche Wohnungen miteinander verbinden, geht über die zwei Balkontürme im Innenhof, die mit vier Gemeinschaftsbalkonen in luftiger Höhe ausgestattet sind, bis hin zu den Sitznischen im Hof und dem Gemeinschaftsraum mit voll ausgestatteter Küche im Erdgeschoss des Altbaus. In den Tragkonstruktionen der Gemeinschaftsbalkone sind sogar Steckdosen integriert, sodass auch mal im Freien gearbeitet werden kann. Und wenn es abends langsam dunkler wird, sorgen die bereits fix installierten Lichterketten beim gemütlichen Zusammensein oder an Partys für eine stimmungsvolle Atmosphäre. Weil die beiden Anbauten direkt an die Strassen anschliessen, konnte die Fläche für den Innenhof maximal genutzt werden. Im Hofraum entsteht eine kleine Hügellandschaft mit Pingpong-Tisch, Grillstelle und weiteren Sitzgelegenheiten. Zahlreiche Bäume wurden gepflanzt und sollen an heissen Sommertagen für kühlenden Schatten sorgen.
Ein Zimmer im Haus Eber kostet brutto 750 Franken. Das ist im Juwo-Vergleich eher teuer, wie Patrik Suter sagt. Um die Mietkosten möglichst tief zu halten, gebe man ein ganzes Programm vor mit Punkten, worauf zu achten ist. Die Anzahl Wohnplätze in einem Haus und damit der Quadratmeterverbrauch sind genauso wichtig wie die Langlebigkeit der Materia­lien oder dass möglichst wenig Technik verbaut werden soll. So sind im Haus Eber zwar alle Neubauwohnungen im Rollstuhl zugänglich, aber nur über den einen Lift in einem der beiden neuen Gebäude. Auch die Fassadenkonstruktion wurde nachträglich vereinfacht. Im Wettbewerb hatte Wild nämlich noch eine mehrschichtige Holzfassade vorgeschlagen, die jedoch «im Grunde ebenso aus Hightech-Materialien besteht wie eine Goretex-Jacke», sagt er selbst. Beim nun erstellten Einsteinmauerwerk sind die Hohl­räume mit Perlit gefüllt, geblähtem Vul­kangestein, das atmungsaktiv ist und eine gute Dämmfunktion aufweist. Im Neubau habe man damit die Werte des Minergie-P-Eco-Standards erreicht, ohne Lüftung und Zertifizierung.

Hofseitig sind die drei Gebäude durch Laubengänge miteinander verbunden und werden so als Einheit zusammengefasst. Erschlossen werden sie durch Stahltreppen und einen Lift.

Strassenseitig kann auf entsiegelten, mit Gittern bedeckten Flächen Wasser versickern. Pflanzen dürfen sich hier ansiedeln. Die Hofseite wurde naturnah bepflanzt.

Strenges Kostenkorsett
Die geschickten baulichen Massnahmen und der minimale Flächenverbrauch allein genügten jedoch noch nicht, um die angestrebte Bruttomiete zu erreichen. «Auch auf der Finanzierungsseite müssen wir für jedes Projekt die optimale Lösung finden», sagt Suter. Das jüngste Projekt hat das Juwo zum Teil klassisch mit Banken finanziert, aber auch in Zusammenarbeit mit der Emissionszentrale für gemeinnützige Wohnbauträger (EGW). Zusätzlich hat es bei der Stadt Zürich einen zinslosen Jugendwohnkredit in der Höhe von sieben Millionen Franken beantragt, der zurzeit im politischen Prozess verhandelt wird.
Derweil freuen sich fast hundert junge Menschen, dass sie in der Nähe ihres Ausbildungsplatzes ein sicheres WG-Zimmer gefunden haben und nebenbei ihre ersten Erfahrungen rund ums gemeinschaftliche Wohnen und Zusammenleben machen können.

Baudaten

Bauherrschaft
Jugendwohnnetz Juwo, Zürich
Architektur
Wild Architekten, Zürich
Landschaftsarchitektur
Mofa Urban Landscape Studio, Zürich
Umfang
3 MFH, 23 Wohnungen, 95 Wohnplätze,

1 Gemeinschaftsraum, 2 Besucher­parkplätze, 145 Veloparkplätze
Baukosten (BKP 1 – 5)
16,5 Mio. CHF total
6330 CHF/m2 HNF
Mietzins
CHF 750 brutto pro Wohnplatz
bzw. Zimmer