Virtual Reality bietet neue Möglichkeiten für die Küchenplanung

Praxistest mit Pixel-Herd

Die Küchenplanung ist schon heute digital. Nun wird sie auch drei­dimensional erlebbar: Mittels Virtueller Realität (VR) können Küchen lange vor dem Bau begangen werden. Die neuen Werkzeuge sind auch für Baugenossenschaften interessant.

Von Michael Staub | Bider: Veriset, Compusoft | März 2020

Manchmal scheinen Küchen nicht eines, sondern neun Leben zu haben. Die «unmöglichen» Fliesen aus den 1970er Jahren, die düsteren Fronten aus den 1980ern oder die komplizierten Herdknöpfe aus den 1990ern überdauern unbeeindruckt mehrere Generationen von Mieterinnen und Mietern. Ebenso langlebig können unpraktische Schränke, zu kleine Ablageflächen oder rückenfeindlich platzierte Backöfen sein. Deshalb ist schon länger klar: Bei der Küchenplanung geht es nicht nur um möglichst hochwertige und ansprechende Materialien, sondern auch um eine gute Ergonomie. Das Ziel ist eine Küche, die über lange Zeit funktional, robust und möglichst schön anzuschauen ist. Papierpläne oder Visualisierungen geben zwar einen ersten Eindruck, doch der wahre Praxistest ist meistens die fertig gebaute Küche.

«Realität» aus dem Computer
Hier kann die Virtuelle Realität (VR) in die Bresche springen. Diese Technologie wurde Anfang der 1990er Jahre populär und wurde schon bald zum Allzweckmittel stilisiert. Mittels VR sollten Ärzte weit entfernte Patienten operieren, Touristinnen ihre Feriendestination vorab erkunden oder Geschäftspartner ihre Sitzung im «Cyberspace» abhalten können. Einige dieser Versprechen haben sich in den letzten zwanzig bis dreissig Jahren erfüllt, andere platzten wie Seifenblasen.
Zwar kann VR nicht jedes Problem lösen und ist auch nicht für jeden Zweck geeignet. Anders als früher ist die Technik heute aber ausgereift. Leistungsfähige Grafikkarten und Breitband-Internetverbindungen machen es möglich, ohne Ruckeln und Schwanken durch künstliche Welten zu wandern, diese zu erkunden und nach Lust und Laune zu verändern. Deshalb passt VR auch gut zur Küchenplanung. Hier sind möglichst realistische Bilder gefragt, die räumliche Orientierung ist einfach möglich, und der Nutzen liegt auf der Hand (siehe Box «Die Vorteile von VR»).

Rundgang auf dem Tablet
In der Küchenplanung gehören 3D-Visualisierungen heute zum Tagesgeschäft. Mit speziellen Programmen können Küchenbauer die Wünsche ihrer Kundinnen und Kunden rasch umsetzen und als hochwertiges Rendering darstellen lassen. Zu den bekannten Anbietern solcher Software gehört Compusoft. Die norwegische Firma ist in der Schweiz seit 1997 vertreten. Bekannt ist sie für ihre umfangreiche Objektdatenbank: Fast jeder denkbare Backofen, jedes Spülbecken und jeder Oberschrank sind hier digital abgelegt. Mit der Software «Winner Design» lassen sich so rasch und unkompliziert Offerten stellen. Eine spezielle App ermöglicht zudem den Datenaustausch zwischen Küchenbauer und Endkunde. «Der Kunde kann auf seinem Tablet oder Smartphone die Küche virtuell begehen. Seine Änderungswünsche können vom Küchenbauer dann mit wenigen Klicks umgesetzt werden», sagt Benjamin Zürcher, Verkaufsberater bei der Compusoft Schweiz AG.
Die digitale Planung ist damit einiges schneller und günstiger als die Variante mit Papierplänen. Eine Herausforderung ist derzeit noch die Farbwiedergabe. Denn auf einem Bildschirm oder auf einem Papierausdruck sehen die Farben nicht immer so aus wie in natura. «Den Entscheid zu Materialisierung und Farben fällt man immer noch live. Die Software beschleunigt allerdings den Entscheidungsprozess. Zudem passt sie gut in die digitale Planung», sagt Benjamin Zürcher. Für Kunden, die ihre Projekte mit dem Building Information Modeling (BIM) umsetzen, gibt es eine spezielle Schnittstelle. So können auch im «digitalen Zwilling» des Gebäudes die richtigen Küchen eingebaut werden.

Mit 3D-Visualisierungen können Küchenbauer die Wünsche ihrer Kundinnen und Kunden rasch umsetzen und als hochwertiges Rendering ­darstellen. Die Firma Compusoft besitzt dafür eine umfangreiche Objektdatenbank, in der fast jeder denkbare Backofen, jedes Spülbecken und jeder Oberschrank digital abgelegt ist.

Digitale Infusion für die «Hölzigen»
Noch weiter geht der Schweizer Küchenbauer Veriset. Seit einigen Jahren arbeitet das Unternehmen an seiner digitalen Transformation. «In ihrem Kerngeschäft sind Schreiner sehr gut aufgestellt. Elektronik und IT sind aber nicht die Kerngebiete der ‹Hölzigen›. Deshalb haben wir Planung, Prozesse und Logistik umfassend neu gestaltet. Wir wollen alle Arbeiten, bis hin zur Montage unserer Küchen, digital abdecken», sagt Ueli Jost, Geschäftsleiter und Inhaber der Veriset AG. Im Herbst 2019 erhielt das Unternehmen für seine Umsetzung den «Digital Economy Award».
Die bisher üblichen 3D-Darstellungen von Küchen kennt man auch bei Veriset. Doch die Firma strebt nach einer umfassenden VR-Anwendung. «Wir möchten, dass unsere Kunden ihre Küche auch funktional überprüfen können. Sie sollen Schränke öffnen und Schubladen herausziehen können. Nur so versteht man die Zusammenhänge und merkt, ob alles passt», sagt Ueli Jost. Die Entwicklung des VR-Programms ist derzeit sistiert. Für VR-Darstellungen gibt es zahlreiche konkurrierende Standards. Deshalb soll zuerst entschieden werden, welcher davon zum Einsatz kommt. Nur so, meint Ueli Jost, sei man anschlussfähig: «Wir wollen keine Insellösung für die Küche, sondern anschlussfähig sein zur übrigen Wohnumgebung. Das Digitale muss durchgängig sein, sonst bringt es nichts.»

Wohin geht die Reise?
An der Swissbau 2018 stellte Veriset bereits eine «virtuelle Küche» vor, die mittels VR-Brille begangen werden konnte. Ebenso konnte man Schränke und Schubladen öffnen und Koch­utensilien benutzen. Ueli Jost ist überzeugt, dass die Technik über kurz oder lang im Mainstream ankommt: «Die virtuelle Küche ist ein Prozess, eine kontinuierliche Entwicklung.» Eine gute Vergleichsmöglichkeit sind Autos. Hier waren Fahrassistenten wie ABS und ESP zuerst teure und exklusive Extras. Heute gehören sie längst zum Standard, die neue Messlatte ist der Autopilot für autonomes Fahren. So gesehen wird VR auch für Baugenossenschaften ein Thema werden. Jedoch scheinen die konventionellen Prozesse derzeit noch gut zu funktionieren. Bei der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) werden Küchen derzeit noch ausschliesslich mit 2D-Plänen geplant. «In Zukunft ist für uns auch eine Planung mittels BIM vorstellbar», sagt Ariel Leuenberger, Leiter Kommunikation der ABZ. Die Planung wird ausschliesslich von Profis vorgenommen, also von der ABZ-Bauabteilung, von Küchenplanern und -herstellern.
Die Genossenschaft «mehr als wohnen» steckt derzeit mitten in der Planung ihrer zweiten Überbauung, des Hobelwerks Winterthur. Laut Architektin Claudia Thiesen, Baukommissions- und Vorstandsmitglied bei «mehr als wohnen», ist VR noch kein Thema. Für die Küchenplanung werden in der Regel 2D-Pläne verwendet, 3D-Visualisierungen oder Modelle dienen eher der Anschaulichkeit. «Nach der Vergabe an die Unternehmung schaut sich die Baukommission eine Musterküche an. Apparate, Beleuchtung und Details werden danach allenfalls angepasst. Wir berücksichtigen dabei auch Erfahrungen unseres Facility Managements mit unserer ersten Überbauung, dem Hunziker-Areal.» Bei der Materialisierung sei man auch für unkonventionelle Vorschläge offen, etwa für Recyclingbaustoffe. «Solange die Vorgaben erfüllt werden, prüfen wir solche Ideen gerne», sagt Claudia Thiesen. Nach ihrer Meinung pflegt der gemeinnützige Wohnbau ohnehin einen hohen Standard bei Ausstattung und Ausführung der Küchen: «Für uns ist die Frage eher: Wo können wir reduzieren oder nachhaltiger werden?»

Druck von unten
Während die VR-Küchenplanung für professionelle Akteure also noch kein drängendes Thema ist, sollte man den Druck des Mainstreams nicht unterschätzen. Mit der «Ikea VR Experience» gab es bereits 2016 einen Versuchsballon für Ikea-Kunden. Die App ist nicht mehr erhältlich, 2021 soll allerdings ihr Nachfolger mit neuen VR-Möglichkeiten lanciert werden. Auch die Baumarktkette Hornbach bietet mit der App «CARATview VR» ihren Kundinnen die Möglichkeit, eigene Küchen- oder Badprojekte virtuell zu begehen. In einigen Jahren könnte die Frage der Mieterschaft durchaus lauten: «Weshalb können wir nicht, was die anderen schon lange können?»

Die Vorteile von VR

Die Küchenplanung mittels Virtual
Reality (VR) ist eine interessante
Erweiterung der bestehenden Werkzeuge. Gegenüber der konventionellen 3D-Visualisierung besitzt die Technik folgende Vorteile:

  • Die Grösse, Anordnung und Aus­richtung der Möbel und Geräte lässt sich intuitiv erleben, Änderungen können schnell umgesetzt und geprüft werden.
  • Die Praxistauglichkeit der Küche kann getestet werden: Stimmen die Türanschläge? Kann der Backofen

einwandfrei bedient werden? Reicht der Platz?

  • Die Materialisierung, etwa für Fronten oder Arbeitsflächen, kann in kürzester Zeit verändert werden.
  • Aus den VR-Modellen können sehr einfach realitätsnahe Visualisierungen erzeugt werden, dies erleichtert Diskussion und Entscheidung.
  • Gerade bei grösseren Objekten gibt es unterschiedliche Küchengrundrisse. Solche Varianten können sehr einfach erzeugt und virtuell begangen werden.